Liebe Zahl, du bist mein Feind. Ich bin unfähig mit dir umzugehen. Du verwirrst mich, machst mich schlecht drauf, nistest dich als unfertiges Ergebnis in mich ein. Dein Verbündeter ist die Bürokratie, mein Verbündeter ist die Kunst, und beides verträgt sich kaum. Nur wegen dir lebe ich dieses glücklose Dasein, rastlos, ohne Zeitkapazität, gefangen im Rad der Zahl & Zeit, gestresst, gejagt, mit dem Kopf stehts bei dir. In der Nacht kann ich nicht mehr schlafen, weil du deinen Fluch nicht von mir nehmen willst. Stetig erhöhst du den Druck auf mich, dich zu vermehren. Täglich muss ich von dir etwas abziehen, dazuzählen oder einen Prozentsatz ermitteln. Du erwartest von mir immer wieder eine Berichtigung. Fast stündlich flattert ein Bruder oder eine Schwester von dir in mein Haus. Ununterbrochen muss ich an ihnen korrigieren und kriege sie nicht aus meinem Kopf. Du begleitest mich, wohin ich auch gehe. Du stielst mir die Zeit, du bist meine Zeit. Minutengenau muss ich meinen Tag einteilen, mit größtem Apettit frießt du mir diese Konstruktur vor meiner Nase weg. Ich würde dich so gerne aus meinem Leben eliminieren, aber du weigerst dich, mich zu verlassen. Siehst du nicht, wie glücklich ich ohne dich wäre. Ich möchte doch einfach nur die Kunst ausleben, was interessiert mich die Zahl! Oder können wir nicht Freundschaft schließen. Kannst du mich nicht ein wenig weniger fordern und mir mein Leben zurückgeben. Ich tue doch alles für dich. Können wir nicht einen Kompromiss finden. Du bleibst, aber wirst Nebensache. Ich akzeptiere dich und werde mich fortan mit Sorgfalt um dich kümmern. Du verschwindest aus meinem Leben als Sorge und kehrst zurück als Bestandteil meines Schaffens. Ich könnte damit leben. Springe über deinen Schatten und sei nett zu mir. Fury

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Jemand kommt zur Tür rein, setzt sich mir gegenüber und beginnt zu palavern. „Lass dich finden.“ Und: „Warum nicht die Sonne im Herzen, wenn es draußen schneit.“ Irgendwie verdreht alles. „Die Nische ist frei und schon wieder voll.“ „Der Schaden macht seine Grenzen dicht.“ Schon besser. Stop.

Es ist 7 Uhr morgens, mein Herz macht einige Sprünge, ich habe wenig Schlaf. Das Resümsè des letzten Jahres: mir ein halbes Jahr eine Psychohyäne geleistet und seither Desaster in der Geldbörse. Die Psychohyäne hat das nicht stopfen können, was vorher schon da war, nämlich Unruhe im Wasserglas, die Utopie der Furywelt beginnt zu bröckeln. Der zweite Teil des Jahres war harte Arbeit, um die Furywelt wieder zu restaurieren. Es hat nur teilweise geklappt. Die Zeit arbeitet ein bißchen gegen mich, obwohl ich ihr treuester Freund bin, ein weiteres Paradoxion, ein zerstörerisches kleines Teilchen in der Venuswelt.

Ich bin müde und ziele darauf ab, mich ganz meiner Muse hinzugeben. Frau Muse wartet seit Millionen Jahren irgendwo im Schrank und zielt auf mein Potential ab. Sie darf aber nur raus, wenn Zeit ist. Derzeit verdrängt die Realzeit die Musezeit. Seit langem tut sie das. Nicht gut. Zuerst die Arbeit, dann die Muse, welche Art von Belohnung ist das denn? Ich akzeptiere diesen Vertrag nicht !!

„Lass dich finden“ sagt der Palaverer zurerst. Gerne, aber wer sucht mich? Ich bitte um erhöhte Aufmerksamkeit, manchmal springt die Muse aus dem Kasten, ohne das Zeit wäre und beginnt heimlich den Fleiß zu reiten, turbulente Gehzeiten. F

#furyword #dizzyvenus #marybroadcast

Ich sehe was, was du nicht siehst und das bist du, wie du gegen mein Fenster klopfst. Draußen ist es kalt, der Herbst kriecht schon in die Nächte, ein kalter Wind bläst und es regnet. Es ist so kalt, es könnte auch schneien. Du folgst dem Licht, das durch mein Fenster in deine dunkle Nacht leuchtet. Du hast kleine Flügel, die nicht naß werden dürfen, du stirbst, wenn du naß wirst. Deine kleinen Fühler werden vom Regen verkleben. Aber du kannst nicht anders, als gegen das Fenster, immer wieder, weil dich mein Licht anzieht. Ich habe das Fenster geschlossen, vor langer Zeit. Du bist einfach zu spät. Ich werde es heute Nacht nicht für dich öffnen, das Fenster ist zu und bleibt zu. Ich sitze im warmen Trockenen und singe dir das Lied vor und sehe zu, wie du stirbst. Mein Bauch tut weh, meine Muskeln tun weh, meine Zähne, mein Herz zieht sich zusammen, ich kann kaum mehr sehen, ich werde blind und taub und plötzlich fällst du, hinab und bist weg.

Ich bin in einen Dornröschenrosenstock gefallen. Ich habe mir im Fallen die Haut aufgekrazt und überall kommen kleine Blutbäche aus mir. Meine völlig symetrischen Augen habe ich mir nicht zerkrazt. Aber die Tränen, die die Blutbäche hervorkitzeln, trüben mir den Blick nach oben oder unten, ich könnte nicht sagen, wohin mein Gesicht blickt. Die Blätter des Dornröschenrosenstocks kleben sich in den Blutbächen fest und versuchen die Wunden zu heilen. Aber Wunden eines Dornröschenrosenstocks heilen sehr langsam. Das wissen die Blätter nicht und sie arbeiten fieberhaft, den Schaden der Dornen auszugleichen. Ich versuche mir eine mittlerweile eingewachsene Dorne aus der Herzgegend zu reißen, aber diese Dorne steckt verdammt tief. Vielleicht bin ich doch mit dem Gesicht nacht unten gefallen, mit dem Herzen direkt auf diese Dorne. Ich weiß, ich habe nicht viel Zeit. Das Gift der Dornen wird mich in einen Teifschlaf versenken, damit die Wunden in Ruhe heilen können. Der Dornröschenrosenstock denkt, das wäre das Beste für mich. Ich versuche alles, um munter zu bleiben. Ich will zwar diesen Schmerz wegschlafen, aber ich weiß, es würde niemals aufhören weh zu tun, würde ich nicht nun diese eine Dorne aus meinem Herzen ziehen, bevor ich in den 100 Jahre dauernden Schlaf falle und im Schlaf all den Schmerz von Traum zu Traum wälze und am Ende in meiner ganzen Zellenwelt klein säuberlich verteilt habe. Ich zwänge meine blutende Hand unter meinen Oberkörper durch und reiße mir die Haut vom Leib, genau da, wo die Dorne sitzt. In der blutenden Lacke suche ich wühlend nach der Dorne. Ich werde immer müder und müder, meine Finger sind schon ganz klamm. In den letzten Sekunden finde ich die Dorne und kann sie mit meinen Fingern greifen und ziehe so fest daran, wie es mir möglich ist. Die Dorne beginnt sich zu lösen, doch ich schlafe in diesem Moment ein und trage den Gedanken der Ungewissheit in meine Traumwelt. Mein erster Traum beginnt damit, die Dorne noch tiefer in mich hineinzubohren. F

Das geht ja schnell! Irgendein Weiser hat mir vor langer Zeit einen Ratschlag erteilt, den ich offensichtlich bewußt ignoriere: „Man muss aufpassen, mit dem was man sich wünscht.“ Weil zum Schluß wünscht man sich was, und das tut einen gar nicht gut. Oder man packt den Wunsch nicht. Ich habe also virtuell meine Figuren umgestellt, planlos, wahllos, diese hierhin, diese dahin und schon steht das große Drama vor der Tür. Die Welt verdunkelt sich, es scheint, als würde es nie mehr hell werden. Ich erinnere mich an Einsamkeit. Ich erinnere mich an meine Vorsätze. Ich erinnere mich an meine Wünsche. Ich erinnere mich an meine Zukunftspläne und wie ich sie mit einem Schritt auslöschen könnte und der Weg wäre frei. Ich könnte gehen, ich hätte die Berechtigung dafür. Aber mir scheint dieses Drama wie ein Wink mit dem Zaunpfahl, eine Warnung, ein geheimer Flüsterrat vom viel zu frühen Herbstwind. Paß auf, du zerstörst dir dein Glück, bleib stark, kämpfe um dein Glück, gib deinem Glück eine Chance. Und wahrhaftig, ich weiß, wie zerbrechlich Glück sein kann, wie schwierig ein Aufstieg, wie schnell der Abstieg geht. Wie schnell ein Unglück tausende Unglücke nach sich zieht! Wie weise es ist, ein Unglück zu verdauen, um dem Schicksal Parole zu bieten! Wie selten das Schicksal die Planeten so stellt, daß wir belohnt werden für unsere Taten. Also laß ich zu, daß es mir schlecht geht. Werde unbegreiflicherweise von meiner Vergangenheit eingeholt, von meiner Ahnung und von meinen größten Ängsten. Verfalle nicht in Panik. Verfalle nicht in Sturheit und Stolz. Bleibe, zittere, bange, warte allein, schreie, sage dumme Sachen, laß die ganze Dummheit raus, pfeife auf meinen Stolz und beharre auf meiner Erfahrung, verstelle mich nicht und lass das Drama vorüberziehen. Und weiß gleichzeitig, daß das Leben nicht naiv sein darf und nur so die gewünschte Inspiration zurückkehren kann, die Wahrheit, der Schmerz, die Ahnung von Verlust, das Grauen, die Einsamkeit. Die Schattenseiten des Glücks. F

„Ich weiß, das letzte Jahr war das beste meiner bisherigen Baumringjahre“. Daphne beendet diesen Satz und schaut in die Runde. Sie wollte eigentlich keine Ansprache halten, aber irgendwie haben das alle von ihr erwartet. Hier ist mitten im Irgendwo, in einer warmen Sommernacht, alle, das sind 40 Augenpaare. Sie hat alle hierher bestellt, um ein Ritual zu begehen. Sie braucht sie für dieses Ritual, und das Ritual braucht sie, um ihre Inspiration neu zu erschaffen. Warum ist das ganze Leben immer wie ein Schlachfelt, immer wieder müssen wir von neuem beginnen, denkt sie sehr sehr leise bei sich. Die alte, verkehrte Inspiration kam ihr abhanden durch dieses beste Baumringjahr. Nun muss eine Neue kreiert werden. Seit sie nicht mehr planlos durch’s Weltall fetzt, sondern einen Ruhepool gefunden hat, seit sie wieder mit Mut ihr Leben von der gefährlichen Schieflage zu einer anschaulichen Ebene umgespullt hat, seither ist sie ausgelastet und die Zeit zum Nachdenken fehlt, die Zeit, um Dinge wahrzunehmen, die hinter dieser offensichtlichen Weltenwand liegen, die Zeit, um das Kroteske auszuleben, diese Zeitebenen fehlen, sie haben sich einfach verlagert! Das Los- und Fallenlassen von schwerwiegenden Fußpersonenfesseln hat natürlich auch seinen Teil dazu beigetragen. Die Augenpaare starren. Sie hat den Faden verloren. Hier sind alle ihr am nahestehendsten Figuren ihrer eigenen Welt.  Nur sie können eine neue Inspirationsebene schaffen. „Aber es ist Zeit für eine Neuaufstellung, für die Zeit, die nach diesem Jahr kommt.“ Jetzt nicken alle, der Bürgermeister von Exilhausen applaudiert. Ein paar stimmen ein. Jemand kommt und stellt ein Glas Wasser vor ihr auf den Tisch. Sie begibt sich zu den Figuren und stellt manche weiter weg, manche näher zu sich, manche direkt in ihre Blickrichtung, andere daneben, manche hinter sich, manche läßt sie in ihre Augen schauen, auf andere blickt sie, die Figuren lassen das alles mit sich geschehen, jede ist einverstanden, keine verschwindet, alle haben ihren Platz. Dann trinkt Daphne den Becher Wasser mit einem Schluck aus, verschluckt sich und spuckt einen Teil des Wasser’s unabsichtlich auf die Zeitstehlerin. Die sagt: „Dieses Kapitel ist ein Extrabuch.“ Daphne nickt und die Feier beginnt. F

Der Platzhalterstatus hat sich ausgeplatzt und ebenso die gefährliche Schieflage, in die das furysche Leben zu rutschen drohte. Weswegen Fury kurz mal über längere Zeiträume abtauchen mußte. Jetzt ist Fury wieder zurück und mit ihr die kolummnenhaften Stories. Die Idee, ganze Buchgeschichten zu veröffentlichen, hier an diesem Ort, habe ich verworfen. Buchgeschichten gehören in ein Buch und Bloggeschichten in einen Blog! Somit bin ich wieder da, mit mir das Pferd und hinter uns das ganze Universum, denn, das steht hinter meiner Entscheidung, mein Leben zu etwas großem zu machen. Schön, dann kann es nur mehr eine Person vergeigen, nämlich Fury Itself! Bis dahin gehe ich mir selber aus dem Weg und lebe mein Glück und der Rest, der für mich davon reserviert ist, von diesem Furyglück, kommt – denn – Menschsein wird belohnt, so oder so. F