Ich fahre von hier nach dort und wieder zurück. Manchmal auch quer. Kriege neue Routen. Fast immer übergebe ich mein Fahrzeug und muss dann irgendwie anders schauen, wie ich weiterkomme. Da ist mir dann richtig schlecht. Schon oft gings einfach zu Fuss weiter, das ist erstmal komisch, wenn man den ganzen Tag fährt. Wenn der Tag oder die Nacht vorüber sind, gehe ich sofort nach Hause und schreibe alle Geschichten auf. Die, die tatsächlich passiert sind und die, die ich dann weiterdenke. Zum Beispiel, es regnet in Strömen und eine Frau steigt völlig durchnässt ein und setzt sich neben einen Fahrgast. Der Fahrgast ist völlig trocken obwohl er nur eine Station vorher einstieg. Dieses Zusammentreffen genügt. Ich denke darüber nach, dass die Frau einsam ist und niemanden hat, der sie unter ihren Schirm nimmt. Sie ist wohl überhastet von zu Hause weggerannt oder hat ihren Schirm in der durchzechten Vornacht vergessen. Jedenfalls hat ihr niemand den Wecker gestellt, Frühstück gemacht, einen neuen Schirm besorgt, sie geduscht und frisch gemacht. Der andere Fahrgast dürfte ein sehr nüchternes Leben führen. Er sitzt so durchorganisiert und steif auf seinem schmalen Sitzfleisch, daß ich ganz verspannt werde und fast nicht mehr fahren kann. Er hält sich an seinem Schirm fest, so als hätte er Angst, sie würde ihn beklauen und davonlaufen. Aber wohin? Zum nächsten Sitz? Ich stelle mir vor wie sich die beiden annähern, hier in meinem Fahrzeug. Ihr ist kalt und er sucht Wärme. Da sie beide bei der gleichen Station aussteigen, gehe ich davon aus, daß er nun zu ihr nach Hause mitgeht. Sie haben sich die ganze Fahrt über geheime Zeichen gegeben. Fast zeitgleich steigt eine indische Familie ein. Es ist schwer die eine Geschichte parallel zu Ende zu denken, während bereits eine neue beginnt. Ich versuche die Gewürze zu erraten, nach denen sie riechen: Kardamon, Curry, Kurkuma, Bockshornklee, Pfeffer. Hier gibt es nur Salz. Ich denke an das kleine Geschäft, in der Straße, an der Ecke, und an das Gewürzlager und an das bunte Geruchsleben der Familie. Ich versuche jede Ecke der Wohnung zu erriechen und glaube fest daran, daß es feste Geruchsecken gibt. Ich bemühe mich, das Mitleid mit den Kindern zu verdrängen, da das Geruchsleben hier denkbar langweilig sein muss und hoffe, ihr Geruchssinn versagt deswegen nicht. Ich sehe die Eltern, die ihren Kindern jeden Abend und jeden Morgen die Gewürze unter die Nase halten, bis die kleinen Näschen zum Niesen anfangen. Die Gewürze merke ich mir und trage sie am Abend in mein Geschichtenbuch ein. Ich bin mittlerweile sehr gut geworden und kann mir alle Geschichten vom Tag merken. Für diese Geschichten blicke ich jeder einsteigenden Person mitten in das Gesicht. Ich verstehe meine Kollegen nicht, die sich diese Trips entgehen lassen, indem sie immer nach vorne starren. Ich versuche meinen Blick möglichst neutral zu halten, damit die Einsteigenden nicht abgeschreckt ihre Persönlichkeit verbergen. Die meisten starren soweiso an mir vorbei oder suchen mit ihren Blicken nach Plätzen. Bei einem Fahrttag kommen mir so sicherlich an die 500 Geschichten unter. Ich sitze dann eigentlich bis zum nächsten Fahrtbeginn, um alles aufzuschreiben. Ich sehe so Betrunkenen, Drogensüchtige, Geizhälse, Verliebte, Junge, Alte, alte Lästige, alte Nette, alte Gebrechliche, junge Gestresste, Bepackte, Menschen, die von der Arbeit kommen und welche die zur Arbeit fahren, Eltern mit Kinder, Singles, gelegentlich sehe ich Menschen zweimal in meinem Fahrtleben. Dann blättere ich in meinem Geschichtenbuch und finde ihre Geschichte und füge vielleicht Neues dazu. An meinen freien Tagen lese ich die Geschichten und denke mir oft ich nehme mir zuwenig Zeit. Aber die Anzahl der Menschen, die einsteigen, lässt mir keine andere Wahl. Ich hatte heute meine Tage und hab das Geschichtebuch mit zum See genommen. Es ist mittlerweile ziemlich schwer. Am Ufer habe ich die Geschichten von vor einem Jahr gelesen. Nach drei einhalb und zwanzig Geschichten habe ich beschlossen damit aufzuhören. Ich erkannte, dass mein Werk ziemlich sinnlos war und beschloss mir einen neuen Tick zu suchen. F

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