In der alten Papierfabrik im Nachbarhaus ist seit Tagen ganz oben Licht an und geht man am Fussweg vorbei, hört man stetiges Hämmern. Gestern hat jemand die Pforte für einen dicken Mercedes geöffnet und zu mir „Guten Tag“ gesagt.  Zu mir? Ich war ganz erschrocken und blickte verstohlen auf die Straße. Was soll man da erwidern? Ich kenne weder Pfortenöffner, noch Mercedes, noch Papierfabrik. Über der Pforte steht in alten, großen Buchstaben: Fam. Sinar Papierfabrik. Früher, also bis vor ein paar Tagen stand da: Fam. Sinar Papiersäcke. Ich habe mich immer gefragt, welche Art von Papiersäcken wohl früher die Welt bestimmten. Braune, weiße, große, kleine, spitze, eckige. Die Sackvielfalt heutzutage ist ja sehr einfältig und unästhetisch. Zum Beispiel finde ich Tüten von Billa oder Spar etwas schöner als die von Penny oder Zielpunkt und generell Papiertaschen besser geeignet nicht Eingekauftes, also Anderes, zu transportieren. Zum Beispiel Kleidung zum Übernachten oder ein 2. Paar Schuhe oder ein Geschenk oder Vergessenes. Obst und Gemüse in Papier schmeckt besser als in Plastik. Das gleiche gilt für Glas. Gibt es noch Glasfabriken? Und wenn, was für Flaschen werden geformt, jetzt wo es bald kein Pago mehr gibt? Vermutlich wird Tetrapack irgendwann oder vielleicht auch die Petflasche alles sonst noch Gewesene verdrängen. Das möchte ich nicht. Ich nehme meinen Mut zusammen und gehe zu der Papierfabrik und klopfe an. Natürlich öffnet der Pförtner und sagt „Guten Tag“, was sonst, das ist die einzige Sprache, die er kennt, das weiß ich nun Tage später auch. „Lieber Herr“, sag ich und weiter: „Wie ist es in dieser Fabrik, wie ist es um sie bestellt? Wird hier nun wieder mit Papier gearbeitet? In diesen alten Mauern? Ich kann Plastik nicht leiden und Tetrapack auch nicht und Petflaschen erst recht.“ Der Pförtner, der nur 2 Worte kennt, weist mir mit der Hand die Treppe hoch. Ich gehe hinauf, das Hämmern wird lauter und lauter. Ohrenbetäubendlaut. In einem ziemlich großen Raum brennt etwas Licht, alle Fabriksgeräte sind verschwunden, vereinzelt finde ich halbverrottete Papiersäcke am Boden liegen. Und außerdem sehr viel Staub und Dreck. Die Farben hier sind ockergelb und türkisgrün und braun. Eine Frau mittleren Alters schlägt mit aller Wucht mit einem Hammer in eine Wand. Sie bemerkt mich nicht, sie ist ganz in ihrer Arbeit. Ich setze mich auf den Boden und warte. Warte. Warte. Das Loch wird immer größer und größer, schließlich kann sie hineinsteigen. Als sie zurückkommt, sehe ich sie zum ersten Mal von vorne, aber sie ist völlig weiß vom Mauerstab. Sie zerrt einen großen Papiersack hinter sich her und sieht mich verdutzt an. „Liebe Frau“ frage ich und weiter: „Kann ich ihnen behilflich sein? Ich liebe Papier.“ Die Frau schüttelt den Kopf, schleift das Teil die Stiege hinunter und verschwindet damit im Mercedes, der kurz darauf durch die Pforte fährt. Ich setze mich wieder auf den Boden und beginne in alten Zeiten zu meditieren.

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