Diese Nacht muß ich wohl dem Schiefgesicht widmen, der eingerollt wie ein Kätzchen auf den letzten Atemzug wartet. Ich habe mich nun schon zum 4. Mal verabschiedet und er lebt immer noch. Vielleicht hilft ihm das Wasser aus dem Bierkrug über den Schafsyordan. Schafsaugen: dunkelbraun mit hellbraunorangener Mitte. Großzügig und aufmerksam. Unergründich, mit Vertrauen, wenn es notwendig wird, linkisch und vorsichtig falls ein ängstlicheres Wesen, lustig und verspielt falls zutraulich. Dem Schiefgesicht waren Momente der Nähe immer ganz wichtig. Er liebte es sogar, in den Armen des Vaters gehalten zu werden. Da er ziemlich früh aufhörte zu wachsen, war das auch nicht weiter schwer. Wir hatten schon ziemlich viele Schafe, ziemlich große, ziemlich schöne, ziemlich kluge. An die meisten erinnere ich mich, alle hatten Namen, seit ich aber von hier in die Weite auszog, ging so manches Schaf spurlos an mir vorüber. Das Schiefgesicht reiht sich in die kleine Reihe der Tierkuriositäten unserer Ranch. Das schlimmste Tier war unsere Killerente, die ebenfalls schiefmündig geboren (!), irgendwann einen Eifersuchtsmord beging. Derzeit ist unsere Schafsherde ziemlich deziminert. Schuld daran ist die hohe Geburtenrate an männlichen Schafen, auch das Schiefgesicht ist so eins. Er wurde aber nie erwachsen, also niemals ein Konkurrent für den Herdenpepi, der übrigens auch vor wenigen Wochen starb. Das schöne an solchen Momenten ist, die Verbundenheit zwischen uns Lebewesen. Das Schiefgesicht hat mich vielleicht nur 4x gesehen. Mit den Verabschiedungen macht das 8. Aber er hat gestern erkannt, daß ich es ihm leichter machen will. Er hat auf meine Zuwendung gehofft. Jemand der vorüber geht, am Weg, sollte immer auf Unterbrechungen gefasst sein. Als ich heute zum 3. Mal „Machs gut“ sagte und sowas wie „Grüß die Omas“ ( inklusive den Opas ) – was eigentlich vielleicht gar ein ausgekochter Blödsinn ist – machte ich mich auf den Weg in den Wald, mit dem Vater. Der zeigte mir die Buche, in der unsere Familieninitialien geritzt sind. Er meinte, ich sei nun alt genug und das machte mich mächtig stolz. Ich merke selber, daß ich langsam aber doch erwachsen werde und eigentlich verursacht das bei mir nur Tränen, weil ich damit ganz und gar nicht zurecht kommen will. Der Vater weiß das und klopft mir ermunternt auf die Schulter und geht dann und läßt mich allein. Ich ritzte ein großes M und 12 und eine Blume aus Punkte. So. In den letzten Tagen der Erde habe ich mich noch verewigt. Gerade noch rechtzeitig gealtert! Dann ging ich nochmals zu Schiefgesicht. Ich beseitigte das Klopapier, mit dem ich etwas Undefinierbares von seinen Füssen gewischt hatte. Beweismittel. Lustig – meine Eltern haben mir sowas beigebracht: helfen, auch wenn der Verstand sagt, das macht dich vielleicht selber krank. Also hab ich es heimlich getan. Und noch heimlicher, die Tinktur kam aus seinem Mund, also höchst verseucht, aber ich wollte auf keinen Fall, daß er so verdreckt stirbt, der kleine Fufu. Soweit kann mir das Erwachsen-Sein gestohlen bleiben und die Eltern würden das auch verstehen, aber nur heimlich. Und ich glaube, für das Schiefgesicht war das gut. Anstand und Stolz zählt auch bei Schafen. Deswegen schmecken Fabrikstiere so sehr nach Angst. Auf das ihr die Tiere ehrt. Fury

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