Ich gehe jetzt raus und stehle mir etwas Zeit. Ich wurde eindeutig mit zu wenig geboren. Irgendwer hat bei meiner Geburt gestohlen. Mir fehlt pro Tag so ungefähr ein halber Tag. Heute ist ein perfekt trübes Wetter für einen Diebeszug. Gegenüber von mir sitzt zum Beispiel einer den ganzen Tag da und schaut in die Luft. Den ganzen Tag! So ein Unsinn! Ich schleiche mich an sein Fenster und mache meinen Beutel auf und sehe seine Zeit in meinen Beutel fließen. Das dauert, seine Zeit ist zähflüssig. Sie wird ihm nicht fehlen. Ich gehe raus, unbestimmtes Ziel. Da ist ein Mann, der sich jeden Tag die Birne vollknallt. So ein Unsinn! Beim Vorbeigehen öffne ich unauffällig meinen Beutel, seine Zeit fließt rein. Seine Zeit stinkt nach Schnaps, aber egal. Ich spüre ein Rumoren, weil sich die Zeiten des Luftguckers und des Trinkers vermischen. So ein Mischmasch! Weil der Typ gar nichts bemerkt, drehe ich ein paar Runden um ihn, direkt an seiner Schnapsnase vorbei. Ich habe noch nicht genug. Ich gehe weiter. Da läuft ein Geschäftsmann vorbei. Der hat wohl auch keine Zeit. Aber er verwendet seine Zeit für falsche Ideen. So ein Unsinn! Ich komme ihm fast nicht nach. Ich kann nur hinter ihm herlaufend, die Zeit, die er sowieso auf der Strecke läßt, auffangen. Schräg hinter mir steht eine Frau. Mit ganz aufgeblasenen Lippen. So ein Unsinn! Sie hat die ganze Woche Zeit, um sich neu einzudecken. So ein Unsinn! Ich stelle mich neben sie und tue mindestens so interessiert an mir völlig egalen Röckchen. Nicht mein Stil! Mein Beutel bewegt sich langsam um ihr operiertes Hinterteil. Das ist operierte Zeit. Gestohlene Zeit. Wird ihr nicht fehlen. Der Beutel ist nun ziemlich schwer. Ich schleppe die Beute nach Hause. Dort schaue ich hinein. Die Zeiten haben sich nicht wirklich vermischt. Und die Trinkerzeit stinkt bestialisch, während die Luftguckerzeit schleimig geworden ist, die Geschäftsmannzeit hat noch immer ein irrsinniges Tempo drauf und die operierte Zeit sieht irgendwie unecht aus. Ich schaue aus dem Fenster. Der Luftgucker läuft wie ein aufgescheuchtes Huhn in seinem Raum rum. Er hat weit aufgerissenen Augen und kennt sich offensichtlich nicht aus, er hat Angst. Ich hetze auf die Straße. Der Trinker ist völlig nüchtern und brabbelt von seiner toten Frau. Tränen laufen über sein Gesicht, er kann nicht aufhören zu weinen. Ich vermute, denen beiden hat der Zeitdiebstahl einiges durcheinander gewürfelt. Wenn ich es mir recht überlege, will ich die Zeit von den beiden nicht. Der Luftgucker tut mir nun wirklich leid, er war immer zufrieden, mit seiner Luft und sich. Ich gehe rüber und werfe ihm seine Zeit wieder in seine Wohnung. Er wird ruhiger und ruhiger und sitzt am Ende wieder da und schaut in die Luft. Die Trinkerzeit landet im Müll. Nicht daß ich ihm seine berauschten Zustände nicht vergönnen täte, aber ich finde, er hat für sein Leben schon genug intus. Ein wenig Klarheit zwischendurch kann nicht schaden. Dem Geschäftsmann werde ich etwas Geschwindigkeit genommen haben, was ich mir auf meine Fahne hefte. Vielleicht konnte ich dadurch eine Ungerechtigkeit verhindern. Die operierte Dame wird vermutlich einfach nur ein falsches Teil gekauft haben. Die Zeiten der letzten beiden gebe ich in eine Schatulle. Ich klebe das Ganze gut zu und stelle es auf einen Kasten. In der Nacht rumpelt die Schatulle manchmal. Ich möchte manchmal reinschauen, aber ich trau mich nicht. Meine Zeit wurde nicht mehr. Ich nehme mir auch nicht mehr Zeit, das kann ja niemand, das ist ein blöder Spuch. So ein Unsinn! Woher nehmen, wenn nicht da! Ich habe aus der Aktion nichts gelernt und stopfe mir noch immer jeden Minute mit Sekunden voll. Aber dafür bin ich wohl geboren und außerdem habe ich ja noch ein paar Jahre. Fury.

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