Ich habe mir den Tisch so gestellt, daß ich auf die zweifärbiggrünen Glasperlen gucke. Durch das Fenster, auf den Baum, durch den Baum auf das kleine Haus, über dem kleinen Haus, auf das große Haus. Dahinter, zur Hälfte des Bildes, auf den Himmel, heute milchig rosa mit graublau. Grünblau wäre schön. Das würde zu meiner Verfassung passen und zu meinen Augen. Gleich kommen Leute, die ratlos um Rat bitten: Mein Leben steht. Ich bin unglücklich. Mein Mann nervt. Ich will ausbrechen. Welcher Job paßt zu mir. Ich bin zerstritten. Ich bin allein. Ich muß reden. Ich will weg. Brauche ich Abstand? Ich kann gut zuhören und meinen eigenen Schmerz verstecken, den ich spüre, wenn ich das alles höre. Und dann Dinge sagen, die oft so nahe liegen. Ich sitze dann groß und fett hinter meinem Tisch und schwinge große Sätze. Der Mann von vor 2 Monaten kommt rein, durch meine Küche, durch mein Bad, in den kleinen Wandschrank, mit all meinen bunten Kleidern, das soll ablenken, die Leute sind immer ganz verwirrt. Die Kisten und alles was ich nicht brauche, mühsamst zusammengesammelt, absichtlich steht das alles hier. Es riecht nach Medizin und nach Waschmittel. Die Leute kommen sich immer ganz klein vor, weil erstens ich ganz groß bin und zweitens mein Tisch ziemlich imposant und drittens bis zur Decke Zeug reingestopft ist. Aber der Mann kennt das schon. Nur ich hab den Weitblick. Die Ratsuchenden sitzen mit dem Rücken zur Freiluft, zum Ausgang. „Also,“ sag ich. „Ich hab meine Familie verlassen und war in Bruini.“ „Wo ist das denn“ frag ich. „Das ist ganz am anderen Ende der Welt.“ „Aha“ Jetzt schweigen wir kurz. Er macht sich grad schmal. „Ich war dort und saß 1 Monat auf einem Plätzchen, auf einem Stein, der zum Meer rausgeschaut hat. Ich bin dort gesessen und habe meine Familie gelernt zu vermissen.“ „Fühlst du dich jetzt besser?“ „Ich denke schon.“ … „Und was noch?“ „Ich bin nun traurig, aber nicht mehr so rastlos. Ich bin zurückgekommen. Und… jemand anders hat meinen Platz eingenommen.“ „Das gibt es nicht.“ „Aber mein Platz ist weg, jemand sitzt am Tisch statt mir, hat meinen Schrank, meine Bettseite.“ „Hast du schon einmal in die Augen geschaut?“ „In welche?“ „In die deiner Liebsten.“ … „Ich trau mich nicht reinzugucken. Sie schauen an mir vorbei oder durch mich durch, irgendwie.“ „Wenn du nicht reinguckst, wirst dus nicht sehen und alles war umsonst.“ „Was werde ich denn sehen…“ Er ist jetzt ganz verzewifelt, der Arme. Und das alles nur, weil ich ihn auf einen Stein am Meer geschickt hab. Aber er hat ihn gefunden, Respekt. „Daß da noch ein Platz ist. Du hast verletzt, geraubt, zerstört und dich beruhigt. Dieser Platz ist nun für dich. Du hast einen neuen Platz. Der alte ist weg, Vergangenheit und uninteressant. Im Neuen kannst du dich groß machen. Du hast dich entschieden. Jetzt geh und hol sie zurück.“ „Aber es ist so leer.“ „Bist du nicht froh, über alles das, was du gemacht hast. Es braucht Zeit, aber nicht die Zeit, die wir kennen. Du hättest ruhig noch länger auf dem Stein sitzen bleiben können. Was man anfängt, soll man zu Ende bringen. Aber es ist gut.“ Er schaut mich an und ist nun etwas größer geworden. Er steht auf und ist noch immer ganz traurig. Dummkopf, denk ich, aber auch das gehört dazu. Heute kommen noch 4 Menschen. Später dann stehe ich auf und gehe hinter das große Haus. Da war ich noch nie. Ich möchte wissen, was da eigentlich dahinter so wächst. Mitz.

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