Das Wetter in meinem Kopf gestaltet sich derzeit Meergelb. Ich wate aus meinem Bett und bleibe in einem Schlafmodus. Ich gehe durch meine Traumwälder und sehe all eure Gesichter. Kraftakte sind in jungen Jahren machbar. Ob sich diese irgendwann im Alter rächen, wollen wir gar nicht erst wissen, da wir uns sowieos 10 Jahre jünger fühlen, somit könnte es sich einigermaßen ausgleichen irgendwann. Kraftakte für die gute Sache samt imaginärer Galionsfigur in smaragdgrün wiederum darf man als öffentliche politische Statementzustandserklärung und Übung für das Leben danach sehen. Und natürlich, für das Leben jetzt. Als nicht zu unterschätzendes Zeichen, daß es uns Kraftakteuern zumindest um soviel besser geht, sodaß wir sogar Zeit finden wollen, um es anderen besser zu machen. Und davon gibt es viele. Habt ihr schon mal genauer hingesehen. Und hingehört. Wie aberwitzig leben wir und wie wenig leben andere. Sie lebt in meinem Bezirk. Ich bin ihr mehrmals begegnet. Ich hatte nichts dabei außer: meine Tasche. Darin meinen Kalender für mein ausgefülltes Leben, aber da geht noch mehr, mein Notitzbuch für die da-geht-noch-mehr-Dinge, meine Geldbörse ( falls ohne Geld, dann zur Sicherheit mit Überziehungsrahmen ), eine Sonnenbrille, die regelmäßig ersetzt wird, meinen großen Schlüsselbund zu meinem Zuhause, Kaugummireste und Früchtebonbons für den Hals, eine gerade gekaufte Wasserflasche, Haargummis, Schminkzeug, Dreck, 7 Stifte und einen Kugelschreiber, Rechnungen für von mir bezahlte Dinge mit nicht zu unterschätzenden Geldwerte ( rechne das und alles in deinem Leben mal hoch ) und 3 zusätzliche Kleidungsstücke, sowie eine Mütze, denn es ist kalt, aber auch noch warm und mein neues rotes Fahrrad, das nicht billig war. Aber dank meiner Familie und Weihnachten leistbar. Oh wie schön, daß es in meinem Leben Weihnachten gibt. Sie zieht regelmäßig zu einem anderen Plätzchen. Vielleicht, weil sie Veränderung braucht. Ihr Gesicht ist wettergegerbt und braun. Sie wirkt so, als wäre sie das ganze Jahr im Freien. Eigentlich ist es noch nicht so kalt. Sie hat ein Kopftuch umgebunden, über den Ohren noch irgendetwas unsichtbares. Vielleicht ist das ihre Problemzone, die es zu schützen gilt. Sie ist auch sonst warm eingepackt. Wie macht sie das in der Nacht. Wir frieren schon untertags, weil es plötzlich 3 Grade kühler ist. Sie ist dünn und älter. Sie sitzt sehr aufrecht zwischen ihren Gegenständen. Das meiste ist in Plastik eingeschweißt und übereinandergestapelt, geordnet, rund um sie. Es könnte Bettzeug sein. Taschen, schön aneinander gereiht. Sie hat außerdem einige Wanderstecken, selbst geschnitzt, wenn nicht von ihr, dann von anderen, ich frage mich, was macht sie damit und das nur, weil ich in ihr Zuhause sehen kann. Sie hat eindeutig mehr Zeug dabei, als ich. Würde ich mit meinen Dingen von zu Hause ausrücken, um es ihr nachzumachen, würde ich sie eindeutig überholen. Meine Straßenwohnung wäre dann einen ganzen langen Gehsteig groß. Sie richtet sich Tageweise kleine Plätze ein. Ein Bushäuschen. Ich stelle mir vor, wenn du keine Wohnung hast, dann gibt es in unserer Stadt vermutlich Plätze, die einen das Gefühl von Wohnungen und Besitz vermitteln. Im Bushäuschen eingerichtet, wirkt sie, als würde sie die Besitzerin des Bushäuschens sein, aber glücklich wirkt sie nicht. Nie, sie ist immer abwesend. Das nächste Mal hat sie sich direkt vor einem Brunnen aufgebaut, in einer Kurve, denn der Brunnen ist von einem runden Platz und runden Bänken umgeben. Sie sitzt starr und aufrecht und starrt auf kleine Knaben, die um einen Meermann tanzen, das stelle ich mir vor. Während sie da sitzt, gehe ich ins Gebäude, um mich zu melden. Guten Tag, ich wohne nun hier. Ich gehe raus und sie schnitzt, von einer Wurst vielleicht, kleine Scheiben. Endlich bewegt sie sich mal. Die Kälte würde mich umbringen. Die Ungeschütztheit. Ich könnte nicht ohne Nichts sein. Das kann wohl niemand, sie auch nicht. Wäre sie in Indien, wäre sie vielleicht Lumpensammlerin, mit noch weniger, bereits so geboren, nie mehr geworden, ohne Geschichte, ohne Zukunft, ein Leben auf dem Müll und im Müll, früh gestorben oder Mutter einer neuen Müllgeneration. Jedenfalls ohne Chance, täglich mit ein wenig Besitz umzuziehen. Wenn Menschen ohne Nichts und für Nichts geboren werden und wir hier Leben wie Kaiser. Ist es dann so schwer, etwas davon zu geben. Ich habe es oft schwer – aber ich besitze Spielraum. Soviel Spielraum, daß ich eine halbe Stunde gemütlich nachdenken und schreiben kann, bei Tee, weil mir zuviel Sturmgetränk den Magen versaut hat. Ihr Spielraum ist mir schleierhaft. Diese Welt hat es wirklich in sich. Fury.

Advertisements