Als ich gestern mit dem Zug von hier nach dort fuhr, kam ich durch Exilhausen. Dieser kleine Ort war mir noch nie aufgefallen. Ray Charles’s „Song for you“ war dor zu hören. Kam aus den Lautsprechern, bei der Station. Das war wie eine Einladung, den Zug, die Fahrt, den eingeschlagenen Weg zu verlassen. Der Ort wirkte nicht anders als alle anderen Orte dieser Welt. Es fehlten nur die Menschen. Ich ging durch die Gässchen und ich fand niemanden. Ich dachte mir, würde ich immer weitergehen, müsste doch irgendwo jemand auftauchen, zumindest im nächsten Ort. Ich fand keine Autos, dafür offene Türen. Das Lied wurde immer leiser, je weiter ich mich vom Bahnhof entfernte, aber hören konnte ich es trotzdem noch deutlich. Ich schaute in die Häuser, ich machte Schubladen auf, legte mich in kleine Kinderbettchen. Ich pflückte mir Äpfel und stahl ein paar Erdbeeren. Mir war diese Einsamkeit nicht unheimlich, denn bald bemerkte ich, dort war ich nicht allein. Die Menschen waren nur verpufft. Sie steckten als Kleidungsstück im Schrank oder als Truhe unter dem Bett, als Trockentomate im Glas oder als Haar im Fell einer Katze. Ich spürte ihre Melancholie, ihre Erinnerungen, ihre Erwartungen für die Zukunft, ihren Spaß, das Irdische in von Menschen erschaffenes Irdisches zu tauschen gegen Sorglosigkeit und Unbekümmertheit, gegen Zeit. Sie konnten sich nun in Ruhe und ganz alleine Gedanken über ihr bisheriges Leben machen, über das, was noch kommen würde, hatten sie keine Macht. Entweder es trug sie jemand weg oder sie würden abfallen, verfaulen, vergessen werden, jedenfalls verotten und irgendwann zu Staub. Lenken konnten sie das nicht mehr, wann und wo und wie und mit wem. Die Entscheidung, ins Exil zu gehen, trafen sie aber bewußt und deswegen fühlten sie kein Wehleid. Mir war das jedenfalls noch zu früh. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, sein Schicksal herauszufordern, zumindest noch ein paar Mal. Ich wollte auch wissen wie es ist, noch ein wenig zu kämpfen und das stetige Jetzt niemals zu begreifen. Also stieg ich in den nächsten Zug, das Lied war zu Ende, im Zug quatschten 3 Menschen völlig unwichtiges Zeug in ihre Mobiltelefone und niemand bemerkte, daß ich eine Blume vom Dorf mit nach Dort nahm. Die Mitz.

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